Gemeinfreie Märchen: welche ihr frei verwenden dürft
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Ein Werk ist gemeinfrei, wenn seine Urheberin oder ihr Urheber seit mehr als 70 Jahren tot ist. Dann dürft ihr damit alles: vorlesen, aufnehmen, verändern, teilen, verkaufen. Grimm ist seit 1934 frei, Andersen seit 1946, Wilhelm Busch seit 1979. Zwei Dinge sind trotzdem geschützt: moderne Übersetzungen und die Bilder aus Verfilmungen.
Die Regel
Das Urheberrecht endet 70 Jahre nach dem Tod der Urheberin oder des Urhebers, gerechnet ab dem Ende des Todesjahres. Wilhelm Busch starb 1908, sein Werk ist seit dem 1. Januar 1979 frei.
Ab diesem Moment gibt es niemanden mehr, den man fragen könnte oder müsste. Gemeinfrei heißt nicht „für private Zwecke erlaubt“. Es heißt, dass das Werk allen gehört.
Was frei ist
Text und Bild vom selben Urheber: die sichersten Fälle
| Werk | Urheber | † | frei seit |
|---|---|---|---|
| Max und Moritz | Wilhelm Busch | 1908 | 1979 |
| Der Struwwelpeter | Heinrich Hoffmann | 1894 | 1965 |
| Peter Rabbit | Beatrix Potter | 1943 | 2014 |
Hier dürft ihr sogar die Originalzeichnungen verwenden.
Märchen und Klassiker
| Werk | Urheber | Text frei seit | Achtung |
|---|---|---|---|
| Grimms Märchen | Brüder Grimm | 1934 | Nacherzählungen sind geschützt |
| Andersens Märchen | H. C. Andersen | 1946 | deutsche Übersetzung prüfen |
| Hauff: Kalif Storch, Zwerg Nase, Das kalte Herz | Wilhelm Hauff | 1898 | |
| Bechsteins Märchenbuch | Ludwig Bechstein | 1931 | |
| Nussknacker und Mausekönig | E. T. A. Hoffmann | 1893 | |
| Heidi | Johanna Spyri | 1972 | Zeichentrickserie 1974 geschützt |
| Alice im Wunderland | Lewis Carroll | 1969 | Tenniels Bilder frei seit 1985 |
| Pinocchio | Carlo Collodi | 1961 | Disney-Gestaltung geschützt |
| Der Zauberer von Oz | L. Frank Baum | 1990 | rote Schuhe stammen aus dem Film |
| Peter Pan | J. M. Barrie | 2008 | Disney-Gestaltung geschützt |
| Das Dschungelbuch | Rudyard Kipling | 2007 | Disney-Gestaltung geschützt |
| Die Biene Maja (Roman) | Waldemar Bonsels | 2023 | Fernsehbiene geschützt |
Die beiden Stolpersteine
Übersetzungen sind eigene Werke. Andersen schrieb auf Dänisch. Sein Originaltext ist frei, eine deutsche Übersetzung von 1990 ist es nicht. Die hat einen eigenen Urheber mit eigener Frist. Für gemeinfreie Nutzung braucht ihr eine alte Fassung oder eine neue eigene Übertragung.
Bilder haben eine eigene Uhr. Das ist die häufigste Verwechslung. Bei Heidi ist der Text seit über 120 Jahren frei, aber das Bild, das die meisten im Kopf haben, stammt aus einer Zeichentrickserie von 1974 und ist noch Jahrzehnte geschützt. Dasselbe gilt für Pinocchio, Peter Pan und das Dschungelbuch: Die Geschichten sind frei, die bekannten Filmfiguren nicht.
Fünf Details, die fast alle für „das Märchen" halten und die in Wahrheit einem Film gehören:
| Was alle kennen | Woher es stammt | Im Original |
|---|---|---|
| Aschenputtels Glasschuh | Perrault, bekannt aus dem Film | bei Grimm goldene Pantoffeln |
| Die Namen der sieben Zwerge | Disney-Erfindung | bei Grimm namenlos |
| Arielle | Disney-Name | bei Andersen namenlos |
| Dorothys rote Schuhe | Film von 1939 | bei Baum silberne Schuhe |
| Peter Pans grünes Kostüm | Disney | bei Barrie Blätter und Spinnweben |
Sieht alt aus, ist es aber nicht
| Werk | frei ab |
|---|---|
| Wickie | 2077 |
| Pippi Langstrumpf, Michel, Bullerbü | 2073 |
| Die Mumins | 2072 |
| Jim Knopf, Momo, Die unendliche Geschichte | 2066 |
| Die Häschenschule | 2027 / 2031 |
| Winnie-the-Pooh | Text 2027, Bilder 2047 |
Der kleine Prinz ist der lehrreichste Fall: In Deutschland seit 2015 gemeinfrei, in Frankreich wegen Sonderregelungen noch nicht. Gemeinfreiheit ist keine Eigenschaft eines Werks, sondern eine pro Land.
Was ihr damit machen dürft
Vorlesen und aufnehmen. Die Aufnahme verschicken. Eine neue Geschichte erfinden, in der Rotkäppchen oder Max und Moritz vorkommen. Eigene Bilder dazu zeichnen. Und all das auch verkaufen.
Ein Hinweis zum Ton: Manche Klassiker sind härter, als die Erinnerung sie macht. Max und Moritz enden im Mühlwerk, der Struwwelpeter verliert die Daumen. Für kleine Kinder lohnt es sich, den Schluss umzuschreiben, was ihr bei einem gemeinfreien Werk ohne Weiteres dürft.
Diesen Artikel hat Markus geschrieben — Vater, Gründer von KlangKlex. Beschäftigt sich seit über zwei Jahren mit Hörspielen für Kinder, Sprachsynthese und der Frage, wie personalisierte Geschichten sinnvoll gemacht werden. KlangKlex ist selbst ein Anbieter in diesem Markt. Dies ist eine Orientierung, keine Rechtsberatung.